Am Anfang steht das Ende

Ich habe so vieles, von dem ich berichten möchte, da weiß ich noch gar nicht, wo ich anfangen soll. Nachdem ich jetzt tagelang gegrübelt habe, denke ich, ich fangen ganz hinten an. Nämlich im hier und jetzt.

Ich werde es sicherlich irgendwann noch mal erwähnen, aber ich habe über die vergangenen 2 Jahre keinen Satz so sehr gehasst wie den: „es geht vorbei“. Den klugen Satz, den dir alle Mütter entgegnen, wenn du ihnen ihr Leid klagst. Mir hat dieser Satz keinen Trost gespendet. Für sehr, sehr lange Zeit sah ich nicht, dass sich irgendetwas besserte, was es in naher Zeit möglich machen könnte, dass ich das Leben mit meinem Kind auch mal genießen kann.
Auch jetzt finde ich diesen Satz immer noch unpassend, zumindest für die Mütter, die ein Schreikind zu Hause haben, ein 24h Baby oder auch High Need Baby, für die, deren Baby (noch) KISS hat. Denn es dauert unfassbar lang, bis sich diese Babys halbwegs „angepasst“ haben. Das ist zumindest meine Erfahrung. Und auch das, was ich an anderen Stellen lese. Bis dahin sieht man gleichaltrige Babys, die sich rasch entwickeln, die sich für die Umwelt interessieren, die gut essen, die sich von der Mutter lösen, um auf Erkundungstour zu gehen. Die einfach anders sind als das eigene Kind, das viel weint und sich für nichts interessiert.

Und doch kann ich heute sagen, dass es bei uns tatsächlich vorbei ist. Jedenfalls das Gröbste. Es ist gar nicht so leicht, sich das einzugestehen, weil heute Mittag noch habe ich geflucht darüber, wie sehr die Einschlafbegleitung des Kleinen an meinen Nerven zehrt. Und doch muss ich ehrlich zu mir sein und zugeben, dass das im Vergleich zu dem, wie es vor einem Jahr noch war, Luxusprobleme sind. Andere Eltern haben andere Sorgen. Unser letztes richtiges Problem ist halt das Einschlafen.

Stöpsel wird diese Woche 2 Jahre alt. Und wir feiern diese Woche einen weiteren Meilenstein: Stöpsels letzten Zähne sind irgendwann in den vergangenen Tagen durchgebrochen. Heimlich hoffe und bete ich, dass damit auch die Einschlafprobleme bald ein Ende haben.

Und so möchte ich euch berichten, wo wir jetzt – nach fast 2 Jahren mit besonderem Baby – stehen.
Unsere aller-aller-allergrößte Sorge, das Schlafen, ist reduziert auf eine sehr langwierige Einschlafbegleitung, die wir beiden uns inzwischen teilen, und die ständige Frage, wann überhaupt ein guter Zeitpunkt zum Hinlegen ist. Stöpsel ist ein Kind, das zeitweise gefühlt ständig müde ist oder gar nicht. Und doch versuchen wir die Schlafenszeiten konstant zu halten (plus minus 60 Minuten), so dass er gegen 21 Uhr ins Bett schläft und mittags gegen 12.30 Uhr. Er schläft nachts eher wenig (nur mit viel Glück sind es mal 10 Stunden), mittags ist alles zwischen 90 und 180 Minuten drin. Es gibt aber auch Tage, da ist immer noch der Wurm drin. Aber das ist normal und da wird man sich vermutlich auch schnell mit anderen Eltern einig, dass Kinder halt ihre Phasen haben. Z.B. haben wir gerade ein paar etwas anstrengendere Nächte hinter uns, in denen Stöpsel zwar nicht richtig aufgewacht ist, aber oft aufgeheult hat und dauernd auf Wanderschaft war. Und in denen die Nacht auch mal um halb 6 morgens vorbei war. Das hängt bei uns vermutlich mit dem Zahndurchbruch zusammen. Aber Stöpsel schläft weitestgehend durch.

Stöpsel ist auch ansonsten glaube ich inzwischen ein eher normales Kind. Er isst zum Glück inzwischen halbwegs normal. Er läuft normal. Er trotzt normal. Er beschäftigt sich selbst normal. Oder manchmal gar nicht, was auch normal ist. Er interagiert mal mehr mal weniger mit uns. Er hat schlecht gelaunte Tage, traurige Tage, anhängliche Tage und an manchen Tagen braucht er viel Aktivität. Er ist vermutlich etwas langsamer entwickelt als andere – so viele Vergleichsmöglichkeiten habe ich zurzeit nicht – aber das ist bei dem, was er durchgemacht haben muss auch nicht wirklich überraschend. Die Ärzte wollen uns zurzeit etwas in Panik versetzen, weil er jetzt erst anfängt, sich sprachlich zu entwickeln. Tatsächlich hat er bis vor 2 Monaten fast komplett geschwiegen, wenn er nicht gerade mit Geräuschen oder Weinen kommuniziert hat. Zu meinem Leidwesen ist das süße „Mama“ bisher ausgeblieben. Aber dafür weiß er nach 2 Monaten üben, wie man ein Eis einfordert und anschließend „mehr“ davon. Und einige andere Dinge. Ich wüsste also nicht, warum ich jetzt schon in Panik verfallen sollte, weil er sich mit dem Sprechen Zeit lässt. Mein Gefühl sagt, er brauchte einfach was länger und er ist jetzt am Ball.

Stöpsel schläft im Übrigen immer noch in unserem Bett, inzwischen zwischen Mama und Papa und auch nur selten allein, weil er unsere Abwesenheit zeitweise immer noch spürt. Und er darf es auch weiterhin, auch wenn es mit Geschwisterchen demnächst fraglich ist, wie gut es klappt mit allen 4 in einem Zimmer. Aber so oder so: er wird nicht ausquartiert, es sei denn er wünscht es sich irgendwann so.
Auch gestillt haben wir lange (ja, ich gehöre auch zur Stillen, Tragen, Familienbett-Fraktion). Schwangerschaftsbedingt hat er sich im Dezember abgestillt. Das Nuckeln musste ich ihm anschließend abgewöhnen, weil es sich ohne Stillhormone „komisch“ anfühlte.

Ein paar Eigenheiten bleiben: unser Stöpsel mag Kuscheln nicht. Allgemein Nähe nur, wenn er selbst sie einfordert. Das macht es zeitweise immer noch schwer, ihn zu trösten, weil ein einfaches in den Arm nehmen ist nur selten das, was er dann auch haben will.
Außerdem ist er immer noch etwas reizempfindlich im Schlaf. Zum Glück wacht er nachts so gut wie nie auf, aber ein Rumpeln im Bett, ein Anstoßen, ein Geräusch und er wird ganz unruhig im Schlaf. Und so wird die Familie auch an Stöpsels 2. Geburtstag noch mit Rauschen aus dem Lautsprecher nachts im komplett abgedunkelten Zimmer schlafen und mit ein bisschen Abstand zum Kind. Wobei er immer Körperkontakt mit einem von uns hat, und wenn es nur mit dem Fuß ist.

Ihr seht, ihr lest hier von einem völlig normalen kleinen Individuum. Und ich bin froh, dass wir die schlimme Zeit irgendwie geschafft haben. Ein wenig dankbar für die Erfahrung, aber vor allem glücklich bin ich darüber, dass es vorbei ist mit dem vielen Weinen, dem ständigen an mir kleben, den unendlich vielen Stunden im Bett.

Und so hoffe ich, dass ich es in der nächsten Zeit schaffe, euch mehr darüber zu berichten, wie es war, wie schlimm es war, was wir alles probiert haben und vor allem wie es mir damit ging.

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