Bevor es los ging…

Noch heute grübele ich oft, wo die Ursache darin zu suchen ist, dass der Stöpsel ein 24-Stunden-Baby geworden ist. Ob nun Gene, ein Problem während der Schwangerschaft oder ob ich es als Mutter irgendwie heraufbeschworen habe, das werde ich wohl nie sicher erfahren. Ich habe meine eigene Vermutung, was passiert sein könnte und ich schließe aus, dass ich Stöpsel seine Anhänglichkeit angewöhnt habe. Auch wenn volkstümlich gerne auf Mütter geschimpft wird, die ihre Babys von Anfang an mit dem vollen Programm Geborgenheit verwöhnen, glaube ich fest daran, dass es dem Kind die nötige Sicherheit gibt statt dass das Kind zum „Problemkind“ wird.

Heute möchte ich aber darüber schreiben, wie für mich die Schwangerschaft und die ersten Stunden nach der Geburt waren. Weil sie zu meinem Kind dazu gehören.

Meine Schwangerschaft mit Stöpsel war weitgehend unaufregend. Es gab keine Übelkeit, keine auffälligen Befunde von der Ärztin. Obwohl die Ärztin wirklich versucht hat, so oft wie möglich, alle im Rahmen liegenden Tests an mir durchzuführen, um etwas zu finden. Das Nackenfaltenscreening habe ich ausgelassen, weil ich zum einen auf meinen Körper vertraue, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen und auf der anderen Seite nicht dafür bin, dass Ungeborene abgetrieben werden wegen einer Wahrscheinlichkeitsrechnung mit geringer Voraussagekraft. Jedenfalls nicht bei gesunden Frauen mit genetischen Unaufälligkeiten bei sich und dem Mann.

Gut ging es mir während der Schwangerschaft dennoch nicht. Die Übelkeit im Ersttrimester hatte ich zum Glück nicht, wobei man ihr ja nachsagt, dass sie ein Signal für eine gesunde Schwangerschaft ist. Statt der Übelkeit habe ich jedoch jeglichen Appetit verloren. Auch in der zweiten Schwangerschaft hat mir nach wenigen Wochen nichts mehr geschmeckt: kein Gemüse, nichts mit Aroma, nicht einmal Obst habe ich runterbekommen. Seither ich diese Erfahrung sogar zwei mal hatte, belächel ich die Artikel in den Schwangerschaftsmagazinen, in denen einem eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung nahegelegt wird. Entweder wurden diese Artikel von Frauen ohne Kinder geschrieben oder sie hatten einfach das seltene Glück, dass sie Appetit auf Gesundes hatten. Ich jedenfalls lebte – entgegen meiner normalen Ansichten zum Thema Ernährung – von Weißbrot, Nutella und diverse einfache Nudelgerichte. Keine Gewürze, keine Kräuter, kein Gemüse, nichts Angebratenes. Und obwohl ich normalerweise keine Milchprodukte esse bzw. trinke, tat ich es während der Schwangerschaft. Damit fuhr ich ganz gut bis zum Ende der Schwangerschaft. Auch wenn ich durch zu viel Süßigkeiten und Weißmehl während der Schwangerschaft tierisch zunahm, was die Ärztin insgesamt dreimal dazu veranlasste, sicherheitshalber einen Zuckertest zu machen. Weil statt mich zu fragen, warum ich so schnell zunahm – Interaktion mit dem Patienten ist ja out – nahm sie an, dass es ein Zeichen für Zucker sein könnte. Da klingelt dankbarerweise natürlich auch die Kasse. Überhaupt hat mich diese Faszination mit dem Gewicht tierisch genervt. Als ich gegen Ende der Schwangerschaft ohnehin schon nicht mehr in den Spiegel sehen konnte, bestand die Ärztin trotzdem weiterhin darauf, dass ich mich jedes Mal auf die Waage stelle und laut mein schweres Gewicht vorlese. Meinem Seelenleben tat das gar nicht gut zu wissen, wie schlimm es war.
Dazu kam übrigens auch, dass ich mich ab dem 4. oder 5. Schwangerschaftsmonat schon nicht mehr ohne Schmerzen bewegen konnte. Zu Hause war das kein Problem, aber längere Strecken geradeaus, also 5 Minuten am Stück und mehr, verursachten schlimme Schmerzen im Unterleib, die mich zum sofortigen Stehenbleiben zwangen. Mehrmals sprach ich die Ärztin darauf an und sie sagte lediglich, das hätte sie auch gehabt in ihrer Schwangerschaft und sie hätte sich einfach weniger bewegt. Das würde sie mir auch empfehlen. Und so machte ich mir während der Schwangerschaft einen faulen Lenz. Zu Hause konnte ich mich ja normal bewegen, aber ich ging einfach nicht mehr groß weg. Der zweite Grund vermutlich warum ich so viel zunahm. Und im Übrigen meine Erklärung dafür, warum Stöpsel so geworden ist wie er geworden ist. Vermutlich werden mir viele widersprechen, auch Hebammen und Ärzte, aber mein Gefühl sagt mir, dass mein Baby schon sehr früh in der Schwangerschaft sehr tief (zu tief?) im Becken saß, was mir Schmerzen machte und möglicherweise die Entwicklung im Mutterleib einschränkte. Zumindest die Entwicklung im Bereich des Kopfes. Und das wiederum würde erklären, wie es zum KISS-Symdrom kam und zur Beule am Schädelknochen, die Stöpsel seit Geburt hat und die sich nur langsam auswächst. Auch meine Ärztin sagte schon viele, viele Wochen vor der Entbindung, dass sie den Kopf des Kindes schon spüren kann. Wie gesagt, es ist meine Theorie. Und so lange keiner eine bessere Erklärung hat, was bei meinem Stöpsel anders gelaufen ist, wird es meine Theorie bleiben.

Ansonsten war die Schwangerschaft wie gesagt unauffällig. Letztendlich übertrug ich Stöpsel 6 Tage und auch die Geburt war sehr langwierig. Ich muss gestehen (bitte nicht steinigen!), dass ich mir während der kompletten Schwangerschaft einen Kaiserschnitt wünschte, aus Angst vor der Geburt. Da ich mich aber nicht traute, danach zu fragen kam ich zu dem Schluss, der Natur die Entscheidung zu überlassen, auf welchem Weg mein Kind das Licht der Welt erblickt. Letztendlich ging es ohne Kaiserschnitt, aber mit vielen Schmerzmitteln und anschließender PDA.
Alles in Allem – die Schwangerschaft, nicht nur die Geburt, sind für mich nur Mittel zum Zweck. Ich kann diesem Wunder der Natur wirklich keine Faszination abgewinnen – für mich selbst. Ich mag es nicht, wenn mein Körper strapaziert wird. Man könnte auch sagen, ich habe einfach ein ganz schlechtes Gefühl für meinen Körper. Umso glücklicher bin ich, dass es viele andere Frauen gibt, die mit großer Begeisterung die Veränderungen ihres Körpers erleben und die trotz Schmerzen schönen Momente der Geburt. Noch letzte Woche habe ich einen Geburtsbericht gelesen, der mich zu Tränen gerührt hat, der mich aber – hätte ich die Zeit so erlebt – bestimmt traumatisiert hätte.

Und auch den 3 Tagen im Krankenhaus möchte ich gerne noch ein paar Worte widmen. Trotz „Rooming-In“ (das Baby bleibt bei der Mutter im Beistellbett) und Stillberatung wäre ich am liebsten gleich heim gegangen. Durch eine Geburtswunde hatte ich unglaubliche Schmerzen, was das neue Mutterglück doch sehr stark trübte. Was mir aber gar nicht aufgefallen wäre, denn der Knirps neben mir schlief ohnehin die ganze Zeit und weinte auch so gut wie gar nicht. Eigentlich hätte ich da schon bemerken können / müssen, dass irgendetwas schon mal nicht stimmte. Die Stillberaterin kam und beriet mich, dass das Kind mindestens 12x gestillt werden sollte und half mir geduldig beim Anlegen. Was die Stillberaterin aber nicht erklärte, war, dass wenn das Kind sich nicht meldete, ich es trotzdem besser alle 2 Stunden anlege. Möglicherweise gibt es nur selten Babys, die sich nicht regelmäßig mit Hunger melden, das weiß ich nicht. Ich werfe es der Stillberaterin nicht vor, aber es hätte mir mein Leben wirklich einfacher gemacht, hätte irgendeiner der Frauen auf der Wochenbettstation etwas gesagt, dass ich notfalls selbst alle 2 Stunden wecken und anlegen muss. Denn auch, dass Stöpsel von Anfang an fast durchschlief, wurde nicht weiter kommentiert. Dass Stöpsel nie länger als eine oder zwei Minuten stillte, fiel mir anfangs nicht als ungewöhnlich auf (woher auch, ich hatte ja keinen Vergleich). Und so beschworen wir sozusagen die Gelbsucht herauf, die meine liebe Hebamme bei Stöpsel nach Ankunft zu Hause feststellte. Ich werde mit Sicherheit zu einem anderen Zeitpunkt noch mal darauf eingehen, aber für die, die es interessiert: wir kämpften mehrere Wochen mit Stillen und Abpumpen gegen die Gelbsucht an. Sie war zum Glück nicht stark ausgeprägt, aber alleine die Erhöhung des Takts beim stillen auf alle 2-3 Stunden reichte aus, damit Stöpsel die Gelbsucht los wurde und an Gewicht gewann.

Ein letztes Thema möchte ich abschließend auch noch ansprechen. Ich dachte, nach der Geburt würde mich eine unglaubliche Liebe für mein Kind überkommen. Aber in der Tat lag es von den 3 Tagen im Krankenhaus fast 2 Tage neben mir im Beistellbett. Ich war glücklich und freute mich über das Kind, aber die richtige Mutterliebe blieb zunächst aus. Ich möchte es nur erwähnen, weil es so ein unglaubliches Gefühl war, das mich in der letzten Nacht im Krankenhaus überrollte. Hatte ich die ersten beiden Nächte noch dankbar die Hilfe der Nachtschwestern angenommen, das Baby ein paar Stunden zu beaufsichtigen, weil ich hoffte, etwas zu schlafen, gab ich es ab der letzten Nacht nicht mehr her, legte es auch nur noch ganz selten im Beistellbett ab. Das liegt bestimmt an den nach der Geburt irgendwann später erst einschießenden Milch-/Bindungshormonen. Aber ich kann nur sagen, es ist ein unglaublich schönes Gefühl, dieses vielleicht völlig übertrieben starke Muttergefühl, dass einen dann überkommt, wenn man sein Kind nicht mehr hergeben möchte.

Wenn du eine angehende Mutter bist, die sich hierher verirrt hat, dann liegt es mir unglaublich am Herzen, dir aus meiner Erfahrung 2 gute Ratschläge auf den Weg zu geben.
Der erste ist, dass wenn du dein Baby stillen willst und es sich nicht meldet mit Hunger, stille es trotzdem, je häufiger desto besser sogar, weil es den Milcheinschuss beschleunigt. Ich wünsche keiner anderen Mutter diese Sorgen um das Neugeborene, wenn es Gelbsucht hat. Und überhaupt lautet mein zweiter Rat: es ist wichtig für Mutter und Kind, von Anfang an viel Körperkontakt zu halten. Also mach es dir gemütlich mit deinem süßen Zwerg im Arm, so viel es von Anfang an im Krankenhaus geht. Du bekommst bestimmt ein Stillkissen als Rausfallschutz geliehen, damit das Baby gleich von Anfang an bei dir im Bett bleiben kann.
[Am Rande: Wenn man sein Neugeborenes im Krankenhaus mal aus den Händen an eine Schwester gibt, gerne auch für Unterstützung mit einem untröstlich weinenden Baby, sollte man gut aufpassen. In meinem Krankenhaus, sonst stillfreundlich, wurde schnell auch mal zum Fläschchen gegriffen, um das Kind zu beruhigen.]

Also ich jedenfalls freue mich schon auf meine zweite Chance, einem Kind von Anfang an den Körperkontakt zu geben, den es braucht, um gut in der Welt hier draußen anzukommen. Der Stöpsel kam erst ab der 2. oder 3. Woche so richtig in den Genuss, den größten Teil des Tages an mir oder auf mir zu sein, was ich ein wenig bereue.

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